Pierre van Hauwe

Im Studium habe ich große Zweifel bekommen, ob das Orff’sche Schulwerk, so wie wir es gelernt hatten, praktikabel sei, bei den Kindern ankomme und überhaupt auf "richtige" Musik vorbereite. So bin ich voller Skepsis während der Weihnachtstage 1979 auf den Weihnachtskurs nach Delft gefahren, der mir dringend empfohlen wurde.

Ich hatte das Glück, oft mit Pierre auch "privat" zusammenzutreffen und konnte ihn immer wieder mit meinen provokanten Fragen überhäufen. Ich hatte das Glück, daß Pierre die Fragen offensichtlich so interessant fand, daß er geduldig (!) immer und immer wieder alles erklärte. In Delft habe ich auch Mario zum ersten Mal getroffen. Auch mit ihm diskutierte ich auf langen Spaziergängen meine Fragen und Ansichten zur Elementaren Musikerziehung. Mit Zweifel an meiner Skepsis fuhr ich nach meinem ersten Weihnachtskurs nach Hause, um von da an auf möglichst vielen Wochenendkursen Pierre und seine Arbeit kennen zu lernen. In unseren bayrischen Pfingstferien besuchte ich die Musikschule Delft, inzwischen vom Bazillus "Spielen mit Musik" befallen, um von Pierre und den dortigen Lehrer so viel wie möglich zu lernen. So habe ich vorbildlichen Unterricht gesehen von Regina Koote, Hans Speetjens, Corrie Driessen und Elly Zoomermeyer (Vielen Dank, daß Ihr mich damals bei euch lernen ließt).

An der Münchner Musikschule, bei der ich damals arbeitete, probierte ich alles mit meinen neu gegründeten "Früherziehungs"-Gruppen aus. Vieles habe ich übernommen, vieles habe ich anders gemacht, vieles habe ich neu ausgedacht - alles habe ich in vielen Treffen, Telefonaten und Briefen mit Pierre besprechen dürfen und bin immer wieder zum "anders"- und "neu"-machen ermuntert worden. Mit Mario (Azevedo – Orff Instituto dp Porto) bestand gelegentlicher Briefkontakt, bis Mario mit seiner Isabel vor unserer Haustür stand. Bei diesem Treffen konnten wir uns ausführlich über unseren jeweiligen Aufbau unserer Musikschulen nach Pierres Ideen austauschen.

Ich konnte Pierre auch zu mehreren Wochenendkursen nach München an unsere Musikschule holen, die ich vor allem organisiert habe, um selbst von ihm zu lernen.

Mit meinem Umzug in das Dorf Inning am Ammersee, westlich von München, wurde ich sofort von der dortigen Musikschule gebeten in Inning Unterricht zu geben. Bereits während des ersten Schuljahrs sollte ich auch die Schulleitung übernehmen. So kam ich zu Fasching 1983 auf die Idee, für ein Faschingskonzert ein "total verrücktes" Ensemble nach Pierres Vorbild seines Jugend-Orchesters zu bilden. Allerdings war schnell klar, daß an einer kleinen Dorf-Musikschule (damals etwa 100 Schüler) nicht genug Schüler für eine klassische Besetzung vorhanden sind. So hatten wir für dieses Faschingskonzert 5 Blockflöten , 1 Klarinette, 1 E-Gitarre, zwei "normale" Gitarren, Klavier vierhändig und Bongos. In unserer Faschingslaune nannten wir das Ensemble mit seiner "chaotischen" Besetzung "das erste Inninger Chaoten-Orchester". Dieses Ensemble war ursprünglich nur für dieses eine Konzert gedacht. Nachdem aber alle soviel Spaß daran hatten, probten wir weiter und der Name "Chaoten-Orchester" blieb erhalten, obwohl natürlich viele Erwachsene sich über den Namen echauffierten. Die Kinder im Orchester mochten ihn.

Als ich zwei Jahre später im Nachbar-Städtchen Herrsching auch ein Chaoten-Orchester gründete, ging gar ein Aufschrei durch Inning: "Es gibt nur ein Chaoten-Orchester - das Original ist in Inning". Mittlerweile hatte das Orchester bereits einige beachtliche Erfolge bei öffentlichen Auftritten z.B. mit dem Bolero von Ravel errungen. Selbstverständlich mußte ich für dieses Orchester alle Bearbeitungen selbst machen. Pierre half mir viel mit Korrekturlesen und guten Ratschlägen. Auch viele eigene Orchester-Kompositionen durfte ich Pierre zur Korrektur schicken und bekam seine Partituren zum Studium. Obwohl Pierre mit moderner Pop-Musik und Jazz gar nichts am Hut hatte, fand er meine Pop-Bearbeitungen so interessant, daß er mich 1987 als Dozent für "Pop-Musik mit dem Orff-Instrumenarium" eingeladen hat. Obwohl er nach dem Kurs mit Kritik nicht gespart hatte, lud er das Inninger Orchester zum Konzertbesuch nach Delft. Unsere Vorbereitungen hat er ebenfalls sehr, sehr kritisch begleitet. Das Konzert war dann (nicht zuletzt durch Pierres harte Schule) ein großer Erfolg und Pierre wurde ein Fan unserer Pop- und Jazz-Bearbeitungen. Nachdem Pierre nach 25 Jahren die Delfter Weihnachtskurse aufgab, konnte ich ihn nach zweijähriger Pause überreden, den Kurs bei uns in Inning ab Weihnachten 1991 weiterzuführen, wenn wir alle Organisations-Arbeit übernehmen. Dieser Kurs hat auch bis 2009 in Inning stattgefunden.

Nach Pierres Tod am 25.06.2009 wurde in seiner Heimatstadt Delft die Pierre-van-Hauwe-Stichting gegründet, deren Aufgabe es ist, Pierres Werke einerseits gegen Missbrauch zu schützen und andererseits sich weiter um die Verbreitung seiner Ideen zu kümmern. Es ist mir eine große Ehre, neben seinen Kindern Rosemieke und Walter van Hauwe, sowie seinem Nachfolger als Schulleiter Hans Speetjens und seinem engen Mitarbeiter André Voss als 5. Mitglied im Vorstand der Stiftung wirken zu dürfen.